Werkstattinhaber liest verwirrt eine LinkedIn-Nachricht am Laptop – umgeben von konkreten Werkzeug und Ersatzteilen

Ich lese LinkedIn und denke manchmal, ich habe eine Fremdsprache gelernt, ohne es zu merken.

Nicht Englisch. Nicht Fachsprache. Eine dritte Kategorie: LinkedIn-Sprache.

„Aktivierende Formate für nachhaltige Transformation im Unternehmenskontext.” – Was hat dieser Mensch heute eigentlich gemacht?

„Lessons learned aus einem intensiven Stakeholder-Journey mit echtem Impact.” – Ist jemand zu Schaden gekommen, oder was?

„Der Big Picture-Blick fehlt vielen. Wir müssen Use Cases systemisch denken.” – Ich habe diesen Satz dreimal gelesen. Ich bin nicht schlauer geworden.

Das Schaulaufen mit Wörtern

Ich bin 26 Jahre in der Kfz-Branche. Ich kenne Kunden, Mitarbeiter, Kapitalprobleme und Freitagabend-Pannen. Ich kenne Haftungsrisiken, kaputte Hydraulikpressen und Monate, in denen das Konto gerade so stimmt. Ich kenne Handwerk.

Was ich nicht kenne, ist dieser Sog, möglichst kompliziert klingen zu müssen, um ernst genommen zu werden.

Auf LinkedIn ist gerade ein Wettkampf im Gange, den niemand offiziell ausgerufen hat. Wer schreibt den hochtrabendsten Post? Wer schafft es, in drei Sätzen keinen konkreten Inhalt zu liefern und trotzdem so zu klingen, als hätte er gerade die Wirtschaft neu erfunden?

Das Wort „Transformation” ist das neue „dann haben wir mal kurz telefoniert”. Es klingt bedeutsam. Es heißt nichts.

„Aktivierende Formate” klingt nach Methode. Es ist meistens ein Meeting.

„Big Picture” klingt nach Strategie. Es ist oft ein PowerPoint ohne Zahlen.

„Use Case” klingt präzise. Es ist fast immer: ein Beispiel.

Ich bin kein Sprachpolizist. Wörter dürfen sich verändern, neue Bedeutungen annehmen. Aber wenn ein Wort so oft so bedeutungslos eingesetzt wird, dass der Leser nach drei Sätzen nicht mehr weiß, was jemand konkret getan hat – dann ist das kein Stil. Das ist Rauschen.

Warum passiert das?

Ich glaube, es hat mit einem tief verwurzelten Mechanismus zu tun: Wer in einer Branche unsicher ist, kompensiert mit Sprache.

Im Handwerk passiert das umgekehrt. Da wird gesägt, geschweißt, gemessen, montiert. Wenn etwas schiefläuft, merkt man es am nächsten Morgen. Kein Wort rettet eine falsch eingestellte Spur. Kein Satz ersetzt eine Sicherheitsprüfung, die keiner gemacht hat.

Im Beraterumfeld – und in vielen Dienstleistungsbranchen generell – ist das Ergebnis der Arbeit schwerer zu messen. Was macht man, wenn man sich nicht sicher ist, ob die eigene Leistung gesehen wird? Man baut eine Sprache darum, die Tiefe suggeriert. Man schreibt Begriffe, die nach Methodik klingen. Man stapelt Vokabular, bis das Konstrukt groß genug aussieht, um ernst genommen zu werden.

Das ist kein Vorwurf an einzelne Menschen. Das ist ein Systemphänomen. Und LinkedIn hat aus diesem Systemphänomen eine Sportart gemacht.

Was mich daran eigentlich stört

Ich sitze in meinem Betrieb und schreibe Angebote. Ich erkläre Kunden, was passiert, wenn ein Steuerkettentrieb nachgibt. Ich erkläre, was eine Bremseninspektion von einer Bremsenrevision unterscheidet. Ich erkläre, warum ich einen Reifen mit sichtbaren Rissen und porösem Gummi tausche – auch wenn er noch Profil hat.

Das letzte Beispiel ist vielleicht das plastischste: Ein Reifen kann laut Messgerät noch in Ordnung sein. Aber wenn ich an der Flanke Risse sehe, die beim Greifen aufgehen, und das Gummi fühlt sich an wie spröder Kunststoff – dann ist das kein Ermessensspielraum. Dann ist das ein Sicherheitsrisiko, das ich nicht drauflasse. Punkt. Kein LinkedIn-Begriff der Welt ersetzt dieses Gespräch mit dem Kunden, das klar, direkt und manchmal unbequem sein muss.

Ich erkläre das auf Deutsch. In Sätzen, die ein Mensch versteht, der nicht Kfz-Meister ist.

Das hat mir niemand als Kompetenz-Ausweis gelehrt. Das war Überlebensstrategie: Wer seinen Kunden verliert, weil er ihn nicht abholt, verliert einen Kunden. Punkt.

Was mich an der Buzzword-Inflation stört, ist nicht der Stil. Es ist die Umkehrung des Prinzips: Der Text wird nicht klarer, er wird absichtlich unklarer. Nicht um zu helfen, sondern um einzuschüchtern. Um zu signalisieren: Ich bewege mich auf einem Niveau, das du vielleicht nicht erreichst.

Das ist keine Expertise. Das ist Tarnung.

Ein Gegenbeweis – und er kommt von wo ich’s nicht erwartet hätte

Ironischerweise habe ich die klarsten Texte über Handwerk nicht auf LinkedIn gesehen.

Sondern auf TikTok.

Ausgerechnet. Auf der Plattform, die als Tanzvideos-für-Teenager gilt, finden sich die konkretesten, ehrlichsten und lehrreichsten Erklärungen von Handwerkern, die ich kenne. Jemand zeigt, was passiert, wenn ein Steuerkettentrieb nachlässt – in 60 Sekunden, kein Beratersprech, keine Fachbegriffs-Parade. Jemand hält einen Reifen mit Rissen in die Kamera und erklärt in zwei Sätzen, warum der heute noch runter muss, auch wenn das Profil noch da ist. Jemand zeigt den Unterschied zwischen einer Bremseninspektion und einer Bremsenrevision, mit Bild und ohne Schönreden.

Was mir dabei auffällt: Diese Handwerker haben nicht gelernt, klar zu schreiben. Die wissen gar nicht, dass das eine Kompetenz sein soll. Die reden einfach so, wie sie auf dem Hof reden – und es funktioniert.

Die Beobachtung bleibt: Klartext sitzt dort, wo niemand ihn vermutet. Und Buzzwords sitzen dort, wo alle professionell wirken wollen.

Das sagt mehr über LinkedIn als über TikTok.

Was jetzt

Wenn du selbst auf LinkedIn schreibst, ist das hier kein Aufruf, weniger zu posten. Es ist ein Aufruf, klarer zu schreiben.

Frage dich nach jedem Absatz: Weiß jemand, der meine Arbeit nicht kennt, was ich gerade gesagt habe? Wenn die Antwort nein ist, fang von vorn an.

Das Wort, das dich am klügsten klingen lässt, ist meistens das einfachste. Das habe ich in der Werkstatt gelernt. Gilt auch online.


Markus Mangold – Kfz-Meister, Inhaber Zeos83, Autor von „Klartext Werkstatt”


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