Es gibt eine Frage, die in der öffentlichen Debatte über KI und Robotik konsequent ausgeblendet wird: Wen trifft es eigentlich zuerst?
Nicht die Fachkraft. Nicht den Spezialisten. Nicht den Meister, der weiß was er tut.
Es trifft den Hilfsarbeiter auf Mindestlohn. Und das ist keine Drohung. Das ist eine betriebswirtschaftliche Konsequenz, die sich gerade still und leise anbahnt.
Die Rechnung, die niemand laut ausspricht
Seit dem 1. Januar 2026 beträgt der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland 13,90 Euro pro Stunde. Zum 1. Januar 2027 steigt er auf 14,60 Euro. Bei einer 40-Stunden-Woche ergibt das ein Bruttogehalt von rund 2.400 Euro im Monat. Zuzüglich des Arbeitgeberanteils an den Sozialversicherungen, rund 20 Prozent, entstehen monatliche Gesamtkosten von über 2.800 Euro. Aufs Jahr gerechnet: über 33.000 Euro.
Dafür bekommt ein Unternehmer was genau?
Laut dem Fehlzeiten-Report 2025 der AOK fielen versicherte Beschäftigte im Jahr 2024 durchschnittlich 23,9 Arbeitstage krankheitsbedingt aus. 228 Krankmeldungen je 100 Versicherte, ein neuer Höchstwert. Der BKK-Dachverband bestätigt: Zwei Krankschreibungen pro Jahr sind der neue Standard. Volkswirtschaftlich summieren sich die Ausfälle der letzten vier Jahre auf bis zu 160 Milliarden Euro, so eine Studie des Verbands forschender Arzneimittelhersteller.
Das bedeutet konkret: Ein Vollzeitmitarbeiter auf Mindestlohn fehlt statistisch gesehen fast fünf Wochen im Jahr. Bezahlt wird er trotzdem, bis zu sechs Wochen Lohnfortzahlung trägt der Arbeitgeber.
Was der Arbeitgeber wirklich bekommt
Wenn ich diese Zahlen ernst nehme, sieht die tatsächliche Netto-Arbeitsleistung bei einem Mindestlohnmitarbeiter deutlich schlechter aus als der Vertrag vermuten lässt. 33.000 Euro Gesamtkosten im Jahr, minus fünf Wochen bezahlter Ausfall, minus Einarbeitungszeit bei Fluktuation, minus die Reibungsverluste wenn jemand physisch anwesend aber mental abwesend ist.
Hinzu kommt: In vielen einfachen Tätigkeitsbereichen, Hof kehren, Fahrzeuge annehmen, Checklisten abarbeiten, Kleinteile holen, ist die Wertschöpfung, die dieser Mitarbeiter erzeugt, schlicht nicht mehr proportional zu dem was er kostet.
Das ist kein Vorwurf an Arbeitnehmer. Das ist eine strukturelle Verschiebung, die durch steigende Mindestlöhne, hohe Lohnnebenkosten und einen historisch hohen Krankenstand beschleunigt wird.
Warum Robotik genau hier ansetzt
Ein humanoider Roboter wie der Unitree G1 ist heute für rund 16.000 Dollar erhältlich. Keine Sozialabgaben. Kein Krankenstand. Keine Fluktuation. Keine schlechten Tage. Die Kosten sind einmalig und kalkulierbar.
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Das bedeutet nicht, dass der Roboter schon heute alles kann. Die Technologie ist noch im Aufbau. Aber die Richtung ist klar: Sobald ein Roboter repetitive, strukturierbare Aufgaben zuverlässig ausführen kann, wird die betriebswirtschaftliche Entscheidung für viele KMUs keine Frage mehr sein.
Was das nicht bedeutet
Ich sage nicht, dass Facharbeit ersetzt wird. Qualifizierte Kfz-Mechatroniker, Diagnosetechniker, Meister, diese Berufe brauchen Urteilsvermögen, Erfahrung und die Fähigkeit, auf unerwartete Situationen zu reagieren. Das ist nicht programmierbar.
Ich sage: Für die Tätigkeiten, bei denen Unternehmer heute kämpfen, überhaupt jemanden zu finden und zu halten, wird Robotik mittelfristig eine echte Alternative sein. Nicht weil Roboter besser sind als Menschen. Sondern weil die Kalkulation irgendwann nicht mehr aufgeht.
Die eigentliche Frage
Die gesellschaftliche Debatte dreht sich um Angst. Werden Roboter Jobs wegnehmen? Wer schützt die Arbeitnehmer?
Die unternehmerische Realität stellt eine andere Frage: Wie lange können KMUs ein System subventionieren, das sie finanziell zunehmend belastet, bei sinkender Gegenleistung?
Der Fortschritt wird auf diese Frage keine Rücksicht nehmen.
Quellen: AOK Fehlzeiten-Report 2025, BKK-Dachverband Jahresauswertung AU-Zahlen 2024, Verband forschender Arzneimittelhersteller, Bundesregierung Mindestlohn FAQ, Statistisches Bundesamt